„Kaufen, wenn die Kanonen donnern.“ – Das sagt sich so leicht, aber was, wenn man mittendrin steckt? Wenn man schon gekauft hat, als es nicht donnerte – und dann ein Drittel des Einsatzes verdampft? Genau da stehe ich bei BASF. Ich bin mit über 3.600 € rein, aktuell sind davon noch gut 2.400 € übrig. –34 %, der rote Balken brennt sich bei jedem Depot-Login ein. Die Frage ist: Halten? Oder endlich Schluss machen und Kapital retten?
Ich hab mir das Unternehmen jetzt richtig tief vorgenommen – mit DCF-Modell, Fundamentalanalyse, makroökonomischem Blick, geopolitischen Risiken, Energiekosten, China-Expansion, Dividende … eben alles, was dazugehört. Und ich nehme dich mit durch meinen Gedankengang.
Bewertung: Ist BASF auf diesem Niveau ein Schnäppchen?
BASF notiert bei rund 42 € – ein Niveau, das schon fast nach „Wühltisch“ riecht. Aber ist es das wirklich?
Ich habe mir ein konservatives DCF-Modell aufgebaut – mit realistischen, nicht zu optimistischen Free-Cashflow-Werten, moderatem Wachstum und 8 % Diskontierung (also mehr als dem Markt). Ergebnis: Fairer Wert irgendwo zwischen 52 € und 60 €. Manche Modelle sehen sogar 70+ €, aber das halte ich für Wunschdenken. Trotzdem: Selbst mit Sicherheitsmarge ist BASF nicht überbewertet. Der aktuelle Kurs preist viele Probleme ein – vielleicht sogar zu viele.
Die Aktie handelt zum 1-fachen Buchwert. Klingt erstmal gut, aber das bedeutet auch: Der Markt glaubt aktuell nicht daran, dass BASF ihre Eigenkapitalrendite ordentlich einsetzen kann. Ein KGV auf Basis 2024 liegt bei über 30 – da krieg ich Bauchweh. Aber das liegt am aktuell niedrigen Gewinn – wenn sich die Erträge normalisieren, reden wir schnell wieder über ein KGV von 11–13.
Mein Zwischenfazit: Rein von der Bewertung her ist nicht der Moment, panisch zu verkaufen. Aber Bewertung allein ist kein Kaufargument – das Unternehmen muss liefern.
Fundamentales Bild: Von solider Bilanz zu wackeliger Bilanz?
BASF war für mich mal das Sinnbild eines soliden DAX-Konzerns: weltweit aufgestellt, stark in Cashflow, robustes Geschäftsmodell, gute Dividende. Davon ist ehrlich gesagt nicht mehr allzu viel übrig.
2024 kam unterm Strich zwar ein Gewinn von 1,3 Mrd. € raus – aber das ist Lichtjahre entfernt von früheren Jahren mit 4–6 Mrd. €. Der Free Cashflow ist eingebrochen: Gerade mal 0,75 Mrd. €. Das ist dünn. Zum Vergleich: 2023 waren’s noch fast viermal so viel.
Gleichzeitig wird weiter investiert – vor allem in den China-Verbund Zhanjiang (Kostenpunkt 10 Mrd. €). Das erhöht die Schulden: Aktuell steht BASF bei über 20 Mrd. € Nettoschulden. Noch tragbar – ja. Aber die Richtung stimmt nicht.
Und dann kam die Dividendenkürzung. Von 3,40 € runter auf 2,25 €. Das hat gesessen. Ich hatte das Ding als soliden Dividendenzahler im Depot – und jetzt muss ich zusehen, wie sich mein passives Einkommen reduziert, während die Kurse weiter abstürzen. Klar, es war richtig, die Dividende an die schwache FCF-Situation anzupassen. Aber die alte BASF hat genau das nie getan. Das Signal ist deutlich: Das Management geht auf Nummer sicher – und das ist gut, aber eben nicht das, wofür ich die Aktie ursprünglich gekauft habe.
China-Expansion: Hoffnungsbringer oder geopolitisches Pulverfass?
Jetzt zum großen Hoffnungsträger: Zhanjiang. Ein hochmoderner Verbundstandort, mitten im größten Wachstumsmarkt der Welt. Wenn das funktioniert, ist das ein Gamechanger. BASF umgeht damit hohe Logistikkosten und produziert direkt vor Ort – mit hoher Energieeffizienz, CO₂-optimiert, State of the Art.
Aber seien wir ehrlich: China ist kein Selbstläufer mehr. Die Wirtschaft stottert, die Immobilienkrise frisst Vertrauen, und das politische Klima ist giftig. Was, wenn die Beziehungen EU–China kippen? Was, wenn Lieferketten gekappt oder westliche Firmen rausgedrängt werden?
Das Engagement in China ist ein zweischneidiges Schwert. Ja, es kann Wachstum bringen – aber es erhöht die geopolitische Abhängigkeit. Und wer einmal Milliarden versenkt hat wie mit Wintershall in Russland, sollte vielleicht vorsichtiger sein. Ich sehe Zhanjiang als Chance, aber auch als hohes Risiko. Wenn’s schiefläuft, hat BASF ein Problem.
Energiepreise, Regulierung, Europa: Das strukturelle Dilemma
Ein ganz großes Thema für mich ist die Standortfrage. BASF ist tief verwurzelt in Europa, vor allem in Deutschland. Und genau das ist inzwischen ein echter Klotz am Bein.
Die Energiepreise in Europa sind immer noch ein Vielfaches von denen in den USA oder China. Während BASF in Deutschland Anlagen runterfährt oder stilllegt, produziert die Konkurrenz in Texas oder China günstig weiter. Das schlägt auf die Margen. Die Regierung? Zu langsam. Zu ideologisch. Zu wenig planungssicher.
Ja, BASF reagiert: Personalabbau, Standortoptimierung, Investitionen in emissionsarme Produktion. Aber das kostet. Und das bringt kurzfristig keine Entlastung. Die EU-Regulierung (Stichwort CO₂-Zertifikate, Chemikalienrichtlinie, ESG-Bürokratie) tut ihr Übriges. Ich verstehe, warum BASF jetzt zunehmend in Nordamerika und Asien investiert – aber das ist eine schleichende Deindustrialisierung.
Für mich heißt das: Die Strukturkosten bleiben hoch, die Margen unter Druck, und Europa ist kein Ort mehr, an dem ein Chemieunternehmen langfristig sicher wachsen kann. Das ist bitter.
Der Zyklus: Frühzykliker in der Dauerkrise?
Die Chemiebranche ist klassischer Frühzykliker – sie läuft vor, wenn die Wirtschaft anspringt. Die Frage ist nur: Wann springt sie wieder an?
2023 war ein Tiefpunkt. 2024 brachte minimale Stabilisierung. Aber die große Wende sehe ich noch nicht. Nachfrage ist da, aber auf niedrigem Niveau. Kunden bauen Lager ab. Neubestellungen kommen schleppend. Vor allem die Bauindustrie und Automobilbranche bleiben angeschlagen.
Ich sehe hier einen Zyklus, der langsamer dreht als früher. Warum? Weil das globale Wachstum schwächelt, weil Zinsen hoch sind, weil die Weltwirtschaft unter Dauerstress steht. Es kann noch 1–2 Jahre dauern, bis der Aufschwung richtig greift. Wer BASF heute hält, braucht eins: Geduld.
Fazit: Halten – aber mit Bauchschmerzen
Also. Was mache ich nun mit meinem Verlust von über 1.200 €? Realisieren – oder aussitzen?
Ich habe lange überlegt. Und mein ehrliches Fazit ist: Ich halte die Position – aber mit Bauchschmerzen.
✅ Pro Halten:
- Die Bewertung ist nicht zu teuer – eher günstig.
- Das Schlimmste könnte eingepreist sein.
- Die Dividende (auch nach Kürzung) bleibt attraktiv.
- Der China-Standort bringt langfristig Potenzial.
- BASF ist kein Sanierungsfall – nur in einem zyklischen Tief.
❌ Contra Halten:
- Die Bilanz wird schwächer, FCF niedrig.
- Dividendenstabilität dahin.
- Geopolitik & Regulierung bleiben unkalkulierbar.
- Europa ist ein Standortnachteil.
- Die Erholung könnte noch Jahre dauern.
Meine Strategie: Ich verkaufe nicht. Aber ich beobachte sehr genau:
- Wenn 2025 keine klare Besserung kommt: Kurs, FCF, Dividende → dann überdenke ich den Exit.
- Wenn Zhanjiang floppt oder geopolitisch eskaliert → ziehe ich die Reißleine.
- Wenn der Kurs auf unter 35 € fällt und gleichzeitig operativ nichts läuft → ggf. Teilverkauf zur Schadensbegrenzung.
Kein Nachkauf. Kein Sparplan. Erstmal durchhalten. Manchmal ist konservatives „Nichtstun“ eben auch eine Entscheidung.
Disclaimer wie immer: Keine Anlageberatung. Nur mein persönlicher Blick auf meine Depotleiche. Wer andere Erfahrungen mit BASF gemacht hat – gerne her damit. Ich freue mich immer über Austausch.
